Der Herbst ist gekommen und es fängt an ungemütlicher zu werden. Auffallend ist, dass trotz Kälte und Regen immer noch sehr viele Fahrradfahrer und Fußgänger unterwegs sind. Nicht überraschend, denn die autofreie Hälfte der Bevölkerung kauft sich nicht wegen ein bißchen Schnee auf einmal ein Auto.
Merkwürdig dabei: es gilt immer noch als die natürlichste Sache der Welt, dass Fahrradfahrer und Fußgänger, die in Regen und Kälte aus eigener Kraft unterwegs sind, am Straßenrand warten müssen. Wer warm, trocken und bequem im Auto sitzt hat Vorfahrt. Wie kam es dazu, dass der gesunde Menschenverstand aus unserem Verkehrssystem verbannt wurde? Hoffen wir, dass immer mehr Kreuzberger den Mut aufbringen, Mobilität anders zu denken: menschengerecht.
Berlinwahl
Über die Berlinwahl und den Sieg der Betonköpfe über die Vernunft lässt sich besser kein Wort verlieren. Über die unsinnige Verlängerung der Autobahn A100 in die Stadt hinein muss jedoch erst noch das Bundesverwaltungsgericht entscheiden und selbst dann sind die Gelder noch nicht im Bundeshaushalt eingeplant. Es gibt also noch Hoffnung. Mehr dazu bei der sehr unterstütztenswerten Initiative BISS.
Glogauer Straße zur Fahrradstraße?
Dirk Behrendt, Abgeordneter für Kreuzberg im Abgeordnetenhaus, hat der Senatsverwaltung eine Anfrage über den Anteil von Fahrradfahrern auf der Glogauer Straße gestellt.
Ergebnis: an einem Donnerstag im letzten Oktober stellten Fahrradfahrer 35% aller Durchfahrten! Zwei Drittel davon fuhren weiter durch den Görlitzer Park, der Rest bog in die Wiener Str. ab. So stellt sich noch dringender die Frage, warum die Glogauer Straße überhaupt keine Annehmlichkeiten für Fahrradfahrer bietet. Unsere Nachfrage nach Fahrradstreifen für die Glogauer Straße auf dem Wahlportal der Grünen wurde daher auch von über 350 Menschen unterstützt!
In der Bezirksversammlung wird inzwischen diskutiert, ob die Glogauer Straße zu einer Fahrradstraße gemacht werden könnte. Damit dürften Radfahrer nebeneinander fahren, auch wenn sie dadurch den Autoverkehr verlangsamen. Maximalgeschwindigkeit für Autofahrer wären wie bisher 30km/h.
Dem müsste jedoch die BVG zustimmen, da zwischen Reichenberger Straße und Paul-Lincke-Ufer der Bus M29 verkehrt. Bisher gibt es keine Fahrradstraßen mit Busverkehr. Zumindest zwischen Reichenberger und Wiener Straße spricht insofern nichts gegen eine Fahrradstraße - außer eine eventuelle Einstufung als Hauptverkehrachse durch die Stadt Berlin.
Man sieht: selbst kleine Änderungen in der Verkehrsstruktur bedürfen vieler Abstimmungen im Detail. Um so wichtiger ist es, dass viele Menschen sich an die Politik wenden und eine Verkehrswende einfordern. Nur so kommt auch der politische Wille zustande, entsprechende Veränderungen durchzusetzen!
Warentransport in einer autofreien Stadt
Eine sehr gute Idee, für die die Zeit reif sein müsste ist der CargoCap, ein System mit dem Waren unterirdisch in 1,60m großen Röhren durch ferngesteuerte Elektrofahrzeuge automatisch verteilt werden. Jedes einzelne Fahrzeug fasst dabei zwei Euro-Paletten, fährt aber soweit es geht im Konvoi mit anderen Fahrzeugen. Damit ist der Energieaufwand für jede einzelne Palette sehr gering.
Nun könnte man denken, dass Tunnel ja viel zu teuer sind - durch die Bauweise dieses Systems ist es pro Meter jedoch um Größenordnungen billiger als zum Beispiel die Verlängerung der A100. Das Geld ist da, es ist nur eine Frage des politischen Willens.
Das Potential ist gewaltig: täglich donnern Tausende von LKW durch die Stadt, die dadurch unnötig würden. Die CargoCap-Seite sagt dazu:
Wasser, Gas, Strom und Fernwärme kommen unterirdisch durch Leitungen in die Stadt, warum also nicht auch Güter? Durch ein unterirdisches Fahrrohrleitungsnetz rollen Kühlschränke, Getränkekisten, Autoteile und viele Waren unseres täglichen Bedarfs mit durchschnittlich 36 km/h zum Ziel - in die Fabrik oder in das Kaufhaus in der City. Die Straßen bleiben freier, die staugeplagten Menschen können aufatmen.
... und endlich ordentlich Gas geben, will man ergänzen. Klar will die Firma niemanden vergrätzen, aber letztlich macht ein solches System nur Sinn, wenn die Innenstädte für Autos - und vor allem für LKWs - gesperrt werden. Momentan scheint der LKW nun mal die günstige und einfache Art für den Warentransport, denn die hohen Kosten werden zum großen Teil auf die Allgemeinheit abgewälzt.
Die passende Analogie ist aber nicht die Zulieferung von Wasser, Gas und Strom. Vielmehr bekommt man ein anderes Bild vor Augen: vor gar nicht so langer Zeit wurden sämtliche Abwässer und Fäkalien einfach auf die Straße geschüttet. Das kam niemanden merkwürdig vor, schließlich machten es ja alle so. Irgendwann konnte aber nicht mehr geleugnet werden, dass das nicht gesund und schon gar nicht ästhetisch ist. Daraufhin wurden Abwasserleitungen gelegt und die Abwässer hygienisch und unsichtbar abgeleitet. Eine kollektive Investition, die allen Einwohnern zugute kommt.
Ähnlich könnte es in paar Jahrzehnten sein: niemand würde mehr glauben, dass jeden Tag tausende stinkender LKW durch die Städte gebraust sind und häufig beim Rechtsabbiegen Fußgänger und Fahrradfahrer überrollten.
Zitat des Monats
"Ein normaler Mensch würde unseren derzeitigen Lebensraum als total verrückt bezeichnen: Wir ziehen uns mehr oder weniger freiwillig in abgedichtete Häuser mit Lärmschutzfenstern zurück, um den Außenraum dem Krach, dem Staub und den Abgasen der Autos zu überlassen. Das ist doch eine völlige Werteumkehr, die uns nicht einmal mehr auffällt." - Verkehrsforscher Hermann Knoflacher im Gespräch mit der ZEIT
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